Hoffnung, die wächst
Das Projekt „NADA“ in Bosnien und Herzegowina
Nach dem Bosnienkrieg lag die Region um Sanski Most am Boden. Häuser waren zerstört, viele Menschen lebten als Geflüchtete in ihrer eigenen Heimat, Arbeit gab es kaum. Die soziale Infrastruktur war nahezu zusammengebrochen. Besonders Familien und Kinder waren auf sich allein gestellt. Unterstützung für Menschen mit Behinderung oder traumatisierte Kinder existierte praktisch nicht. In dieser Situation entstanden erste Initiativen – oft mit Hilfe aus Deutschland. Mit viel Engagement und wenig Mitteln wurde begonnen, Strukturen aufzubauen, die es vorher nicht gab. So entstand im Jahr 2000 das Projekt „NADA“ aus der Not heraus. Es fehlte an Angeboten für besonders benachteiligte Menschen – insbesondere für Kinder. Die Einrichtung bietet Kindern einen geschützten Raum, Förderung und vor allem eines – Aufmerksamkeit und Zuwendung.
Was „NADA“ besonders macht
Während in Deutschland ein dichtes Netz an Kinderbetreuung und Frühförderung existiert, fehlen solche Strukturen in Bosnien vielerorts. Genau hier schließt „NADA“ eine entscheidende Lücke. Durch die AWO werden zunehmend pädagogische Konzepte aus Deutschland übernommen und an die lokalen Bedingungen angepasst. Besonders die Frühförderung spielt dabei eine zentrale Rolle: Kinder werden frühzeitig unterstützt, um ihre Entwicklung bestmöglich zu fördern.
Im Mittelpunkt stehen dabei Kinder, die geistige, seelische oder körperliche Beeinträchtigungen haben oder sich verzögert entwickeln. In kleinen Gruppen – meist 13 bis 15 Kinder – wird individuell gearbeitet. Das Ziel ist dabei so einfach wie anspruchsvoll: Ein möglichst normales Leben für jedes Kind.
„Für viele Kinder ist NADA der einzige Ort, an dem sie gezielte Förderung und verlässliche Zuwendung erfahren“, erklärt Amela Omic, die einzige hauptamtlich Beschäftigte des Projekts. Gleichzeitig richtet sich das Angebot auch an die Eltern: Sie erhalten Entlastung im Alltag, aber auch Beratung und konkrete Hilfestellung im Umgang mit ihren Kindern. „Auch die Eltern brauchen Unterstützung – nur wenn sie gestärkt sind, könnensich die Kinder gut entwickeln“, betont Omic. Wie wichtig das Projekt für die Kinder ist, zeigt sich in ihren eigenen Worten:
„Die schönsten Tage in meinem Leben habe ich bei NADA verbracht.“
Die AWO Bremerhaven gehörte dabei zu den ersten Gliederungen innerhalb der Arbeiterwohlfahrt, die internationale Projektpartnerschaften in dieser Form aufgebaut und langfristig mitentwickelt haben – ein Ansatz, der heute vielerorts als Pionierarbeit für internationale Zusammenarbeit gilt.
Wandel als Chance
Das Projekt befindet sich aktuell in einer wichtigen Entwicklungsphase. Ziel ist es, die Arbeit langfristig zu sichern und noch stärker auf die Bedürfnisse der Kinder auszurichten. Dafür werden derzeit Strukturen neu geordnet und bestehende Prozesse weiterentwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei weiterhin die Betreuung und Förderung von Kindern. Diese Fokussierung schafft Raum für mehr Zeit, Aufmerksamkeit und eine noch gezieltere Unterstützung vor Ort.
Gleichzeitig wird daran gearbeitet, das Projekt auf eine stabilere Grundlage zu stellen. Denn eines ist klar: Nur mit verlässlichen Strukturen kann die wichtige Arbeit auch in Zukunft fortgeführt werden.
Internationale Solidarität wirkt
Dass „NADA“ diese Entwicklung gehen kann, ist auch der Unterstützung aus Bayern zu verdanken. Seit 2010 beteiligt sich die AWO Bezirksverband Oberbayern am Projekt in Bosnien und Herzegowina. Die Kooperation hat sich über die Jahre zu einer verlässlichen Partnerschaft entwickelt. Sie ermöglicht nicht nur Stabilität, sondern auch fachlichen Austausch und gemeinsame Weiterentwicklung. „Für uns ist klar: Internationale Zusammenarbeit bedeutet Verantwortung. Wir wollen Projekte wie NADA nicht nur unterstützen, sondern gemeinsam weiterentwickeln und langfristig sichern“, betont AWO-Geschäftsführer Eckart Kroon.
Seit vielen Jahren gehört auch ein Projekt für Schulmahlzeiten zur Unterstützung vor Ort. Gemeinsam mit der Gemeinde Sanski Most erhalten Kinder aus sozial benachteiligten Familien dadurch eine verlässliche Versorgung im Schulalltag. Finanziert wird das Angebot von der Gemeinde und es stellt für viele Familien eine wichtige Hilfe dar.
Blick nach vorn
Trotz aller Fortschritte bleibt die Situation herausfordernd. Die finanzielle Absicherung ist ein dauerhaftes Thema. Denn das Projekt wird vollständig aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden getragen – öffentliche Mittel stehen dafür nicht zur Verfügung. Umso wichtiger ist die kontinuierliche Unterstützung, die diese Arbeit möglich macht. „Die Zusammenarbeit lebt vom persönlichen Kontakt – und davon, dass wir im Austausch bleiben, auch über große Entfernungen hinweg“, erklärt AWO-Prokuristin Silke Rupietta, die sich alle zwei Wochen per Videokonferenz mit Amela Omic austauscht. Mit klarer Ausrichtung, engagierten Menschen vor Ort und starker Unterstützung aus Deutschland entsteht eine Perspektive – für die Einrichtung und vor allem für die Kinder. Internationale Zusammenarbeit wird hier ganz konkret – und wirksam.
„NADA“ ist mehr als der Name eines Projekts. Es ist ein Versprechen – denn „Nada“ bedeutet Hoffnung. Hoffnung auf Förderung, Entwicklung und eine bessere Zukunft für Kinder in Sanski Most.
Amela Omic – Engagement seit über 20 Jahren
Wenn man über „NADA“ spricht, kommt man an ihr nicht vorbei: Amela Omic prägt das Projekt seit mehr als zwei Jahrzehnten. Omic begann 2004 als pädagogische Fachkraft und übernahm 2014 die Geschäftsleitung der neu gegründeten Stiftung „AWO Domovinska Basta“. Amela Omic ist die einzige hauptamtlich Beschäftigte des Projekts. Sie wird von vielen Ehrenamtlichen und von ihrer Familie unterstützt.
„Am Anfang des Projekts mussten wir noch in die Berge fahren, um die Kinder überhaupt zu erreichen“, berichtet Amela Omic. „Heute hat sich die Arbeit von NADA herumgesprochen – inzwischen kommen die Eltern zu uns und suchen gezielt unsere Unterstützung.“
Mit großer Leidenschaft arbeitet sie mit Kindern, begleitet ihre Entwicklung und gibt ihnen Halt. Für viele ist sie weit mehr als eine Betreuerin – sie ist Bezugsperson, Vertrauensperson und Motor der Einrichtung. Ihr Engagement geht über das Berufliche hinaus: Sie setzt sich unermüdlich dafür ein, dass jedes Kind gesehen wird und eine Chance erhält. Die Arbeit mit Kindern ist für sie nicht nur Aufgabe, sondern Überzeugung.
Mit ihrem Engagement markiert Amela Omic den Unterschied – jeden Tag, ganz konkret vor Ort.
Sanski Most – Wo liegt das eigentlich?
Die Kleinstadt Sanski Most (ca. 41.000 Einwohner) befindet sich im Nordwesten von Bosnien und Herzegowina, rund 60 Kilometer westlich von Banja Luka.
Da Sanski Most an mehreren Zuflüssen des Flusses Sana liegt, wird die Stadt auch „Stadt an neun Flüssen“ genannt. Die Stadt und ihre Umgebung sind bis heute von den Folgen des Bosnienkriegs geprägt.